Am Einlass des Schauspielhauses scannt eine Frau unsere Eintrittskarten. Das Gerät piept. Oh, sagt sie, wer von ihnen beiden ist der Studierende? Ich, sage ich, und krame den Studierendenausweis hervor. Sie wirft einen überraschten Blick auf das Gültigkeitsdatum und gratuliert mir dann.
Ich bin 56 Jahre alt und Erstsemester. Niemand der Studierenden ist so alt wie ich (von einer Handvoll Gasthörenden abgesehen), selbst die meisten Professor*innen sind jünger. Und, wie ist das so mit den ganzen jungen Menschen, wie fühlt sich das an? Diese Frage stellt mir niemand unter dreißig und jeder über 50. Die Vorstellung, dass man in „meinem Alter“ Vollzeit studieren könnte, fällt offenbar besonders den Menschen schwer, die in „meinem Alter“ sind. Also ich könnte das ja nicht, ist der häufigste Kommentar.
Ehrlich, es ist kein Problem! Für mich ist es kein Problem – ich bin so alt wie ich mich fühle und das ist, wenn ich an der Uni bin, so alt wie meine Mitstudierenden. Und für die Studierenden um mich herum scheint es auch kein Problem zu sein: Noch nie hat irgendwer irgendeine Bemerkung diesbezüglich gemacht. Ja gut, wir ziehen am Abend nicht gemeinsam durch die Neustadtkneipen, aber ich vermute, sie tun das auch nicht ohne mich.
Im Alter lernt man nicht mehr so schnell. Angeblich. Ich will nicht wissen, ob das wissenschaftlich belegt ist (und wenn ja, wie die Versuchsanordnung war und wie groß die Abweichungen sind). Diesen Satz höre ich immer und immer wieder von Gleichaltrigen. In mir erhärtet sich der Verdacht, dass er ist eine Ausrede für geistige Trägheit ist. Wie ein Schild wird er vor sich hergetragen um zu begründen, warum Mensch keine neuen Ideen gut finden kann, sich nicht umstellen kann, sich nicht an Neues gewöhnen und auch nichts Neues denken kann.
Ist Altersbashing hausgemacht?
Mein Studienplan sieht vor, dass ich neutestamentliches Griechisch lernen muss. Es ist fällt mir sehr schwer. Obwohl ich Lernkarten gebastelt habe, komme ich kaum voran. Die KI sagt, ich soll lieber Wortgruppen lernen, als einzelne Vokabeln. Ich werde es ausprobieren. Bin ich zu alt zum Auswendig lernen? („Also ich könnte das ja nicht mehr.“)
Die Ergebnisse der Literaturprüfung stehen bereits im Online-System. Es war eine reine Lernprüfung. Wenig spannend. 42 % der Studierenden werden diese Prüfung wiederholen müssen. Ich habe das drittbeste Prüfungsergebnis. Wenn es in irgendeiner Form mit dem Alter zu tun hat, dann wohl damit, dass ich alte Tools verwende: ich schreibe bei der Vorlesung mit. Händisch! Auf Papier!
Das entsetzliche Gefühl, das ich im Griechischunterricht habe, entspricht exakt dem Gefühl, das mich durch 11 Jahre Russischunterricht in der Schulzeit begleitet hat. Angstvoll unwissend. Hoffentlich nimmt sie mich nicht dran. Ich lerne Fremdsprachen nicht schlechter, weil ich älter bin. Ich habe Fremdsprachen noch nie gut gelernt.
Obwohl: Nach dreißig Jahren Unterbrechung habe ich an der Uni einen Russischkurs belegt. Anfängerkurs. Mündliche Prüfung: 1,0. Irgend etwas scheint am Ende hängen geblieben zu sein.