Zeit des Abschieds

Plötzlich war es Herbst. Tobias fiel es auf, als er mit Beginn der Dämmerung seinen dunkelgrauen Audi vor dem Haus einparkte, in dem er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern wohnte. Er stieg aus und als er den Kofferraum öffnete, um die Sporttasche herauszunehmen, erwischte ihn der feuchte Modergeruch verwesenden Laubes. Er blickte am Haus vorbei in den Garten, der still im letzten Licht leuchtete. Das Laub der Felsenbirne begann sich rot zu färben. Er wandte sich um, ließ seinen Blick such

Modersohn-Mädchen

Das Kind ist ein Mädchen – es trägt ein Kleid. Es hat langes, dunkelblondes Haar, das, von einem Band aus der Stirn gehalten, glatt den Rücken hinabfällt. Über dem grauen Kleid trägt es ein ebenso graues Schürzchen, dessen einziger Schmuck die grauen Rüschen an der Schulter sind. Schwarze Strümpfe trägt es, braune Pantoffeln. Sieben mag sie sein. Wenn der Stuhl keine Streben zwischen den Stuhlbeinen hätte, auf einer sie die Füße abstützt, würden die Beine baumeln. Würde sie baumeln? Würde sie wa

verflossen

Die Mutter liebt das Kind. Außerdem will sie eine gute Mutter sein. Vielleicht will sie sogar noch mehr eine gute Mutter sein, als sie ihr Kind liebt. Jedenfalls hat sie dem Kind einen Wunsch erfüllt. Immer geht es ums Geld. Denn die Wünsche des Kindes kosten mehr Geld, als das Kind Begriffe davon hat. Nun endlich hat die Mutter, weil preisgesenkt wegen Schlussverkauf, denn der Sommer und damit die Badesaison geht zu Ende, dem Kind den Nixenschwanz gekauft: ein grün schillernder Stoffschlauch, d

Scheißtag

Sonntag ist ein Scheißtag. Alles hat zu. Normalerweise laufe ich nach dem Frühstück zum NETTO und kaufe für das Mittagessen ein. Nicht so was Fertiges aus dem Kühlregal. Ich koche was. Ich habe ja Zeit. Früh beim Kaffee suche ich ein Rezept aus. Chefkoch. Oder Kochbuch. Oder Insta. Und dann gehe ich zum NETTO und kaufe dafür ein. Außer sonntags. Da geht das nicht. Der NETTO hat zu. Heute ist Sonntag. Ein Scheißtag. Es ist scheißeheiß. Ich überlege, was ich machen könnte. Wie als Kind: mir ist la

Kunst oder Kitsch

Mit den Figuren der Künstlerin Małgorzata Chodakowska bin ich bisher schnell fertig gewesen: für mich ist das Kitsch. Vor einigen Wochen animierte mich jedoch eine Zeitungsanzeige zum Wettbewerb „Sachsens Unternehmer:in des Jahres“, mich präziser mit meiner ablehnenden Haltung auseinanderzusetzen. Denn der Pokal ist die Figur „Die Träumende“ - entworfen und hergestellt von Małgorzata Chodakowska. Die Figur ist präsent auf Website und Anzeigen abgebildet- sie dient quasi als Maskottchen der Veran

Odyssee

Schade, Herr Nolan, das war wohl nichts. Drei Stunden wird das Märchen vom Mann, der ein Held ist, in blutigen Bildern erzählt. Es wird gestürmt und gebrandschatzt, gemordet und gemeuchelt, erdolcht, erstochen und enthauptet. Odysseus ist der Stärkste von allen, der Tapferste, hat die schönste Frau und die hehresten Werte. Soweit die Vorlage. So weit der Film. Ein Männerfilm, sagt meine Freundin Uta. Was bitte soll das denn heißen? Männer spielen gerne Ballerspiele und gucken gerne Filme, in den

heiße Tage

Gerade als Kerstin zum zweiten Mal ausführlich die Geschichte erzählt hatte, wie sie bei der Hitze vor zwei Tagen im REWE versucht hatte, Eis zu kaufen und nur beschilderte, aber vollständig leere Regale vorfand, und ich darüber nachdachte, ob sie alt wird, weil sie alles doppelt erzählt, oder ob ich alt werde, weil ich das nicht mehr so gut aushalte, fiel mein Blick auf einen Mann, der so schnell mit seinem Rad durch die Fußgängerzone rauschte, dass zwei Frauen erschrocken zur Seite sprangen. E

dynamisches Alter

Meine Kraft ist 185 Jahre alt. 20 Jahre hat sie ein Kind groß gezogen. Zweimal. 20 Jahre hat sie ein Haus abgezahlt. 10 Jahre Kraft haben Gemüsegarten, Rasen, Hecke gekostet. 10 Jahre Kraft habe ich den Freunden geschenkt. 35 Jahre Kraft ging in den Job. Die Hobbies rechnen sich auf Null. Aber 70 Jahre Kraft verzehrte mein Selbstzweifel.