UNI-Talk (1) - Lernstrategien

Falls ich es noch nicht erzählt habe (und gefühlt habe ich es bei jeder sich bietenden Gelegenheit erzählt): ich habe die Griechischprüfung bestanden. Zwei Semester lang gehörten die anderthalb Stunden „Neutestamentliches Griechisch“ Mittwoch früh halb acht zu dem Schlimmsten, was die UNI-Woche zu bieten hatte. Nicht nur für mich. Die Lernumgebung (Fachsprech) war grauenvoll. Eine Minigruppe Studierender sieht sich einem Fräulein Rottenmeier gegenüber. Unterrichtsmethoden aus dem 19. Jahrhundert

ich beobachte den Wasserstand in der Glasvase

Hellviolette Herbstastern hatte Michael mitgebracht. In duftigen Wolken schweben die kleinen Blüten über zarten Stängeln. Anfangs sind sie sehr durstig. Ich beobachte den Wasserstand in der Glasvase. Dienstagnachmittag hat Michael den Strauß gebracht. Am nächsten Tag zum Abendessen war die Vase fast leer. Der Spätdienst hat Wasser nachgefüllt. Heute ist Samstag. Die Astern trinken weniger. Die Blüten haben die Blütenblätter, deren Farbe nach und nach blasser wird, nach hinten gebogen und die Büs

Quitte 2000

Ich: Kann man zehn Jahre alte Marmelade noch essen? KI: Wenn das Glas noch fest zu ist, der Inhalt gut aussieht, die Konsistenz gut ist, der Geruch auch, ist sie wahrscheinlich nicht sofort gefährlich. Aber bei zehn Jahren über dem Mindesthaltbarkeitsdatum würde ich persönlich eher auf Nummer sicher gehen und sie entsorgen. Besonders, wenn Unsicherheiten bestehen. KI: Frag mich mal, ob das bei selbstgemachter Marmelade auch so ist… Ich: Und? KI: Bei selbstgemachter Marmelade wäre ich noch vi

wachgeküsst

Schreibenden fällt nicht immer etwas ein. Leider eher selten. In meinem Fall zu selten. Dafür gibt es Ratgeber und Inspirations-E-Mails und Schreibworkshops. Dabei könnte man einfach die Träume nehmen, die mein Gehirn kurz vor dem Wachwerden produziert: Eine Firmenweihnachtsfeier. Jeder bringt ein Geschenk mit. Es wird gewürfelt. Am Ende steht noch ein Geschenk in der Mitte, das niemand mitgebracht hat. Geht doch gut los. Oder mein Traum von gestern: In der Kirchgemeinde ist Erntedank. Es gibt

Zeit des Abschieds

Plötzlich war es Herbst. Tobias fiel es auf, als er mit Beginn der Dämmerung seinen dunkelgrauen Audi vor dem Haus einparkte, in dem er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern wohnte. Er stieg aus und als er den Kofferraum öffnete, um die Sporttasche herauszunehmen, erwischte ihn der feuchte Modergeruch verwesenden Laubes. Er blickte am Haus vorbei in den Garten, der still im letzten Licht leuchtete. Das Laub der Felsenbirne begann sich rot zu färben. Er wandte sich um, ließ seinen Blick such

Modersohn-Mädchen

Das Kind ist ein Mädchen – es trägt ein Kleid. Es hat langes, dunkelblondes Haar, das, von einem Band aus der Stirn gehalten, glatt den Rücken hinabfällt. Über dem grauen Kleid trägt es ein ebenso graues Schürzchen, dessen einziger Schmuck die grauen Rüschen an der Schulter sind. Schwarze Strümpfe trägt es, braune Pantoffeln. Sieben mag sie sein. Wenn der Stuhl keine Streben zwischen den Stuhlbeinen hätte, auf einer sie die Füße abstützt, würden die Beine baumeln. Würde sie baumeln? Würde sie wa

verflossen

Die Mutter liebt das Kind. Außerdem will sie eine gute Mutter sein. Vielleicht will sie sogar noch mehr eine gute Mutter sein, als sie ihr Kind liebt. Jedenfalls hat sie dem Kind einen Wunsch erfüllt. Immer geht es ums Geld. Denn die Wünsche des Kindes kosten mehr Geld, als das Kind Begriffe davon hat. Nun endlich hat die Mutter, weil preisgesenkt wegen Schlussverkauf, denn der Sommer und damit die Badesaison geht zu Ende, dem Kind den Nixenschwanz gekauft: ein grün schillernder Stoffschlauch, d

Scheißtag

Sonntag ist ein Scheißtag. Alles hat zu. Normalerweise laufe ich nach dem Frühstück zum NETTO und kaufe für das Mittagessen ein. Nicht so was Fertiges aus dem Kühlregal. Ich koche was. Ich habe ja Zeit. Früh beim Kaffee suche ich ein Rezept aus. Chefkoch. Oder Kochbuch. Oder Insta. Und dann gehe ich zum NETTO und kaufe dafür ein. Außer sonntags. Da geht das nicht. Der NETTO hat zu. Heute ist Sonntag. Ein Scheißtag. Es ist scheißeheiß. Ich überlege, was ich machen könnte. Wie als Kind: mir ist la