UNI-Talk (1) - Lernstrategien

Falls ich es noch nicht erzählt habe (und gefühlt habe ich es bei jeder sich bietenden Gelegenheit erzählt): ich habe die Griechischprüfung bestanden. Zwei Semester lang gehörten die anderthalb Stunden „Neutestamentliches Griechisch“ Mittwoch früh halb acht zu dem Schlimmsten, was die UNI-Woche zu bieten hatte. Nicht nur für mich. Die Lernumgebung (Fachsprech) war grauenvoll. Eine Minigruppe Studierender sieht sich einem Fräulein Rottenmeier gegenüber. Unterrichtsmethoden aus dem 19. Jahrhundert. Nur ohne Rohrstock. Wo kann man sich beschweren? Niemand beschwert sich VOR der Prüfung. Und nach bestandener Prüfung beschwere ich mich auch nicht mehr. Es ist vorbei, erledigt und verdrängbar. Und es würde wohl auch nichts bewirken. Oder hat schon mal jemand erlebt, dass ein Lehrer besseren Unterricht macht, weil ihm jemand gesagt hat, dass es Beschwerden gab?
Etwa drei Wochen vor der Prüfung hatte ich beschlossen, mich richtig ins Zeug zu legen. Ich will den Unterricht keinesfalls wiederholen müssen! Das Problem waren wie in jedem Fremdsprachunterricht die Vokabeln. Das Neutestamentliche Griechisch verwendet viele Partizipien (Jesus, die Schüler unterrichtend, ging nach Galiläa.) Ruck zuck hat man in einem Satz zwei, drei, vier Verben. Ich habe mich also auf die Verben konzentriert und einem Ratschlag meiner KI folgend 70 Verben in Blöcken zu 10 Stück mithilfe von Eselsbrücken gelernt. Hat geklappt. 3,0 in der Prüfung.
Das ist eine Lernstrategie. Den Begriff habe ich bei Recherchen zu einem anderen Fach entdeckt. Eine Lernstrategie ist eine Methode, mit der ich etwas lerne. Welche Methode funktioniert, ist bei jedem Lernenden verschieden. Wenn ich etwas lernen will, muss ich also zuerst herausfinden, welche Methode dafür bei mir geeignet ist. Vokabeln lernen manche mit Vokabelkarten (habe ich probiert, hat nicht funktioniert). Manche müssen es hören (selbst eingesprochen oder mit Sprachlern-Apps). Andere müssen es aufschreiben oder sich eigenen Sätze ausdenken. Es ist wissenschaftlich belegt, dass gute Sprachlerner nicht besonders befähigt sind, Sprachen zu lernen, sondern dass sie besonders hohe Kompetenzen in Bezug auf Sprachlernstrategien besitzen.
Angenommen, das gilt nicht nur für das Lernen von Fremdsprachen, sondern generell für alles, was wir lernen wollen, dann entscheidet über den Lernerfolg nicht Intelligenz (wo wir ja ohnehin noch nicht wissen, was das eigentlich ist und wie man das definieren kann), sondern, welche Lernstrategien ich kenne und anwenden kann.
Das hätte mir mal eher jemand sagen sollen.
"Ich kann mir keine Namen merken." Dieser ununterbrochen gebrauchte Satz ist Unsinn. Natürlich kann man sich Namen merken, denn die allermeisten Menschen sind sehr wohl in der Lage, ihre Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen mit Namen anzusprechen. Gemeint ist: ich habe keine Lernstrategie, um mir in einer größeren Vorstellungsrunde sofort 20 Namen zu merken. Meine Strategie ist: Ich denke bei Nennung des Namens an jemanden gleichen Namens, den ich kenne. Der Mann mit dem roten Pullover heißt wie mein Banknachbar in der Schule. Und seine Freundin heißt wie meine Cousine. Deine Strategie muss vielleicht anders sein. Du musst dir die Namen möglicherweise geschrieben vorstellen oder an ein Tier mit gleichem Anfangsbuchstaben denken. Oder die Silben zählen. Oder eine Farbe vergeben.
Das ist nicht nur ein Thema für Erwachsene. Was, wenn es den Kindern in der Schule an geeigneten Lernstrategien mangelt? Nehmen wir das Problemfach Mathematik. Der britische Nobelpreisträger Roger Penrose beschreibt mathematischen Wahrheiten als geometrische Strukturen, die er „sehen“ kann. Ich glaube nicht, dass dieser Zugang in der Schule vermittelt wird.
Im morgen beginnenden Semester will ich meinen Glaubenssatz, dass ich Fremdsprachen nicht gut lernen kann, widerlegen. Ich starte mit Hebräisch. Als erste Lernstrategie habe ich mir einen Kalligraphiefüller und grüne Tinte gekauft. Hebräisch hat sehr schöne Buchstaben. Ich glaube, es wird mir Freude machen, die neuen Wörter in schönster Kalligraphieschrift in mein Heft zu malen. Mal sehen, ob ich sie leichter lernen kann, als die Griechischvokabeln.