Odyssee

Schade, Herr Nolan, das war wohl nichts. Drei Stunden wird das Märchen vom Mann, der ein Held ist, in blutigen Bildern erzählt. Es wird gestürmt und gebrandschatzt, gemordet und gemeuchelt, erdolcht, erstochen und enthauptet. Odysseus ist der Stärkste von allen, der Tapferste, hat die schönste Frau und die hehresten Werte. Soweit die Vorlage. So weit der Film. Ein Männerfilm, sagt meine Freundin Uta. Was bitte soll das denn heißen? Männer spielen gerne Ballerspiele und gucken gerne Filme, in den

heiße Tage

Gerade als Kerstin zum zweiten Mal ausführlich die Geschichte erzählt hatte, wie sie bei der Hitze vor zwei Tagen im REWE versucht hatte, Eis zu kaufen und nur beschilderte, aber vollständig leere Regale vorfand, und ich darüber nachdachte, ob sie alt wird, weil sie alles doppelt erzählt, oder ob ich alt werde, weil ich das nicht mehr so gut aushalte, fiel mein Blick auf einen Mann, der so schnell mit seinem Rad durch die Fußgängerzone rauschte, dass zwei Frauen erschrocken zur Seite sprangen. E

dynamisches Alter

Meine Kraft ist 185 Jahre alt. 20 Jahre hat sie ein Kind groß gezogen. Zweimal. 20 Jahre hat sie ein Haus abgezahlt. 10 Jahre Kraft haben Gemüsegarten, Rasen, Hecke gekostet. 10 Jahre Kraft habe ich den Freunden geschenkt. 35 Jahre Kraft ging in den Job. Die Hobbies rechnen sich auf Null. Aber 70 Jahre Kraft verzehrte mein Selbstzweifel.

Horizont

Der Horizont, dort, wo ein heller Himmelsstreifen durch eine zarte hellblaue Linie von sanftgrauem Meer geschieden wird, ist 4,43 Kilometer entfernt. In etwa einer Stunde könnte ich dort sein. Wenn ich mich setze, kommt der Horizont näher. Etwa einen Kilometer kommt er näher zu mir. Er ist schüchtern. Wenn ich mich auf den Bauch lege, die Nase in den Sand drücke, mich ganz flach mache, flundergleich, käme er dann so nahe, dass ich ihn mit der Hand greifen könnte? Ich könnte mich ausziehen, so da

lustvoll

Das Kind liegt auf dem Rücken und kaut an seinen Fäustchen, noch weiß es nicht, dass die Finger, die zufällig in seinen Mund gefunden haben, die seine eigenen sind, an denen zu lutschen zweifach Genuss verschafft, die Zunge umkreist die weiche, warme Form der kleinen Faust und die Finger genießen die feuchte Umhüllung, von ihm selbst bewegt werden können, zielgerichtet ein Däumchen in den Mund geschoben werden kann, um dieses wohltuende, beruhigende Saugen, dieses vertraute Nuppeln, diese Gier s

lösung

ich mache, was du willst du machst, was ich will er macht, was er kann wir machen, was sie will ihr macht, was wir wollen alle machen, was einer will jeder macht, was keiner will du machst am besten nichts

nachmittag

fern schlagen türen schlurfende schritte im gang mitten am tag schaltet jemand das licht ein ein schlüssel klappert ich rieche den regen die zeit läuft kaffeebohnen jemand, der nicht du bist, lacht ich denke an den regen in nizza und deinen ulkigen hut mich fröstelt jemand, der nicht ich bin, ist glücklich

Das Märchen von der Doppelbesteuerung

Die FDP will die Erbschaftssteuer abschaffen, lese ich heute in einem Kommentar von Stefan Kegel in der DNN. Auch er ist der Meinung, dass der Staat nicht zweimal die Hand aufhalten dürfe. Können wir jetzt mal bitte aufhören mit dem Unsinn der Doppelbesteuerung? Ja, wenn Liesbeth Normalverbraucher ihr mühsam abbezahltes Einfamilienhäuschen mangels einer sinnvollen Regelung zu Lebzeiten ihrem einzigen Sohn vererbt, fallen Erbschaftssteuern an. Und das wäre eine Besteuerung von bereits schon einm