Plötzlich war es Herbst. Tobias fiel es auf, als er mit Beginn der Dämmerung seinen dunkelgrauen Audi vor dem Haus einparkte, in dem er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern wohnte. Er stieg aus und als er den Kofferraum öffnete, um die Sporttasche herauszunehmen, erwischte ihn der feuchte Modergeruch verwesenden Laubes. Er blickte am Haus vorbei in den Garten, der still im letzten Licht leuchtete. Das Laub der Felsenbirne begann sich rot zu färben. Er wandte sich um, ließ seinen Blick suchend über das Beet nahe der Fliederhecke gleiten und entdeckte schließlich, verborgen von allerlei Astwerk und abgestorbenen Pflanzenteilen, die winzigen lila Blüten der Alpenveilchen. Er selbst hatte sie nach einer Italienreise gepflanzt und nicht daran geglaubt, dass sie im heimischen Garten durchkommen würden. Nun zeigten sie seit einigen Jahren beständig und unerschütterlich den Beginn des Herbstes an.
Tobias öffnete die Tür, begrüßte seine Frau, die ihm entgegen gekommen war, mit einem Kuss auf die Wange, stellte die Sachen ab und wusch sich im Bad die Hände. Die Familie hatte bereits gegessen, die Mädchen waren in Ihren Zimmern. Tobias holte eine Flasche Grauburgunder aus dem Weinkühlschrank und schenke sich und seiner Frau ein Glas ein. Sie setzten sich nebeneinander auf die Couch und ließen den Blick durch die Terassentür über den Garten schweifen, der noch immer vom roten Abendlicht gestreift wurde, das langsam verlosch. Die Gartenleuchten sprangen an.
Die Ruhe hatte etwas Fürsorgliches. Tobias spürte, wie die Hektik des Arbeitstages, all die aufgeregten Telefonate, die herausfordernden E-Mails, die unwirschen Worte seines Chefs von ihm abfielen. Dieses Haus war sein Ruhepunkt. Er dachte an das Gespräch mit dem Vorstand. Der Vierteljahresbericht war besorgniserregend. Aber der Morgen ist klüger als der Abend. Jetzt hatte er genug von alledem. Er sah sich im Zimmer um. Es war seine Idee gewesen, neben den Fenstern Stehlampen zu platzieren, die sich von der Tür aus schalten ließen. Sofa und Vorhänge waren farblich perfekt abgestimmt. Auf die schmale Kommode hatte seine Frau einen Strauß mit frischen Gartenblumen gestellt. Das Bild darüber war ein Ölgemälde von einem Freund seines Vaters. Er hatte es aus dem Haus seiner Eltern mitgenommen, als sie ins Betreute Wohnen zogen. Es passte farblich perfekt zur Einrichtung. Alles war stimmig. Tobias atmete tief und befreit ein.
Seine Frau seufzte leise. Er legte seinen Arm um sie. Woran denkst Du, Bine?
Sie antwortete lange nicht. Er dachte schon, sie hätte die Frage nicht gehört. Schließlich sagte sie sehr leise und ohne ihn anzusehen: Ich habe eine kleine Wohnung gefunden. Ich ziehe aus.
Tobias überlegte kurz, ob er den Arm, den er um Ihre Schulter gelegt hatte, nun wegnehmen sollte, ließ ihn dann aber liegen. Mit der Hand streichelte er ein wenig ihre Schulter. Er spürte in sich hinein, was diese Offenbarung in ihm auslöste. War er überrascht? War er wütend? War er traurig? Doch obwohl er sich aufrichtig anstrengte, konnte er überhaupt kein Gefühl in seinem Inneren ausmachen, was ihn wunderte. Müsste ihm die Nachricht nicht den Boden unter den Füßen wegziehen? Müsste er sich nicht verraten und betrogen vorkommen? Nichts dergleichen regte sich in ihm. Herbst ist die Zeit des Abschieds, kam ihm in den Sinn.
Sie saßen und schwiegen und blickten in den Garten. Der Kater kam, sprang lautlos aufs Sofa, legte sich in die Kuhle zwischen Ihren Schenkeln und als er anfing zu schnurren, nahm Tobias einen Schluck Wein, drückte ihn mit der Zunge an den Gaumen, ließ ein wenig Luft durch die leicht geöffneten Lippen in den Mund perlen und dachte darüber nach, wie er es schonend den Mädchen beibringen konnte.