Das Kind ist ein Mädchen – es trägt ein Kleid. Es hat langes, dunkelblondes Haar, das, von einem Band aus der Stirn gehalten, glatt den Rücken hinabfällt. Über dem grauen Kleid trägt es ein ebenso graues Schürzchen, dessen einziger Schmuck die grauen Rüschen an der Schulter sind. Schwarze Strümpfe trägt es, braune Pantoffeln.
Sieben mag sie sein. Wenn der Stuhl keine Streben zwischen den Stuhlbeinen hätte, auf einer sie die Füße abstützt, würden die Beine baumeln. Würde sie baumeln? Würde sie wagen, eine Bewegung zu machen, wo sie doch still sitzen soll? Die Hände liegen artig übereinander auf dem Schoß. Sittsam, weil sie gelernt hat, was sittsam ist. Unbeweglich zu sitzen, wenn es erwartet wird, still zu sein, nicht zu stören. Nichts zu tun, wenn Gehorsam verlangt wird. Die einzige Abwechslung verschaffen die Augen, die ungestraft alles betrachten dürfen, die graubraun herausschauen aus diesem graubraunen Kind in dieser graubraunen Welt.
Sie schaut mich an. Ernsthaft und gewissenhaft sieht sie mich an und das einzig Lebendige in dieser Szenerie bin ich – im Spiegel ihrer Pupillen.
(zu Paula Modersohn-Becker "Worpsweder Bauernkind auf einem Stuhl sitzend" 1905)