Kunst oder Kitsch

Mit den Figuren der Künstlerin Małgorzata Chodakowska bin ich bisher schnell fertig gewesen: für mich ist das Kitsch. Vor einigen Wochen animierte mich jedoch eine Zeitungsanzeige zum Wettbewerb „Sachsens Unternehmer:in des Jahres“, mich präziser mit meiner ablehnenden Haltung auseinanderzusetzen. Denn der Pokal ist die Figur „Die Träumende“ - entworfen und hergestellt von Małgorzata Chodakowska. Die Figur ist präsent auf Website und Anzeigen abgebildet- sie dient quasi als Maskottchen der Veranstaltung, die im Grunde eine Marketingaktion ist. Das ist nicht verwerflich. Klappern gehört zum Handwerk und jenseits eines hundertjährigen Geschäftsjubiläums oder eben einer Preisverleihung über ein erfolgreiches Unternehmen zu berichten, tut die Presse sich schwer. Dass nun ausgerechnet die Sächsische Zeitung Initiator des Preises ist und auch FreiePresse, Leipziger Volkszeitung und mdr Sachsen diesen unterstützen, konterkariert die sonstige Zurückhaltung bei Berichterstattung über Unternehmen etwas.

„Die Träumende“ ist eine 1,2 Meter große Bronzeskulptur mit Blattgoldauflage. Sie ist kein Wanderpokal, sondern wird jedes Jahr von der Künstlerin neu hergestellt. Sie kostet soviel wie ein Kleinwagen. Das bezahlen die Sponsoren. Der Preis selbst ist nicht dotiert. Also, verstehe ich es richtig: Eine Künstlerin fertigt jedes Jahr für eine Menge Geld immer die gleiche Figur als Preis für einen Wettbewerb an, bei dem der/die Preisträger:in kein Geld bekommt, sondern eine Skulptur, die zwar von einer (lokal) bekannten Künstlerin ist, aber selbst vermutlich wertlos, da in Serie produziert. 22-mal wurde der Preis bisher verliehen, 22 „Träumende“ stehen irgendwo rum. Tendenz steigend. Klingt nach einer guten Marktstrategie. Für die Künstlerin jedenfalls.

Bei der Skulptur handelt es sich um eine stehende Frau, die lasziv die Arme über dem Kopf verschränkt hält. Sie sieht genau so aus, wie die meisten Figuren von Chodakowska (was ihre hohe Wiedererkennbarkeit ausmacht): klein, zart, schlank, bisschen niedlich. Elfenhaft könnte man sagen. Womit wir wieder bei der Frage sind, ob es Kitsch ist. Was sind die Zutaten des Kitsches? In meiner Kindheit war die Frage eindeutig zu beantworten (wie überhaupt alle Frage immer eindeutig zu beantworten waren): Gartenzwerge sind Kitsch. Die Spezies der Gartenzwerge ist jedoch vom Aussterben bedroht, da ihr natürliches Habitat, der deutsche Vorgarten, von Parkplätzen verdrängt wurde. Oder hinter Thujahecken verborgen, was die Zwerge auch obsolet macht, denn wozu sollte man sie aufstellen, wenn sie keinen Passanten mehr aufregen können.

Man nehme ein anderes beliebiges Fabelwesen. Ich denke über Engel nach, die, Fabelwesen hin oder her, alle Spielarten zwischen Kunst, Kitsch und Dekoration bieten, die denkbar sind. Das Motiv selbst bestimmt also nicht, in welche Kategorie es zugeordnet wird. Es gibt Engel, die große Kunst sind, zum Beispiel der Engel von Paul Klee. Oder der von Ernst Barlach. Oder der von Niki de Saint Phalle.

Zurück zu Chodakowska. Was mich sehr stört, ist die sexuelle Überkonnotation der Figur „Die Träumende“. Das enganliegende Kleid verhüllt nichts, sondern bietet nur die Fläche für die Goldschicht, die zusätzlich den Körper betont: Die kleinen Brüstchen, die spitzen Nippelchen. Im Schoß formt der Stoff die Vulva nach, wie es kein noch so eng anliegendes Kleid tun würde. Auch Male Gaze ist ein Markenzeichen von Chodakowska. So steht im Weinberg in Pillnitz, wo die Künstlerin ihre Arbeiten präsentiert, eine kleine Tänzerin, ein Kind in stereotyper Ballettpose, die Arme hoch aufgereckt. Das Laibchen endet oben genau an der Linie ihrer Brustwarzen. Was soll das?

Anfänglich war es nur ein Unternehmerpreis. 2005 waren die Frauen mitgemeint oder auch nicht. Für diesen also sehr männlich gedachten Wettbewerb haben die Sponsoren eine Preisfigur ausgewählt, die ein hübsches, etwas erotisch aufgeladenes Mädelchen darstellt. In verträumter Pose, weil der Frau traditionell die Rolle der Muse zukommt. Macht sich doch gut im Chefbüro.

Was ist Kunst? Kunst bietet ein „Mehr“, ein „Dahinter“, eine Reflexion, eine Auseinandersetzung. Oder eine Plattform für eine Auseinandersetzung. Aber der Umstand, dass ich mich anhand der Figuren von Małgorzata Chodakowska mit Geschlechterstereotypen auseinandersetze, macht diese nicht zur Kunst. Das schaffen auch Schminktippvideos auf Instagram.