Scheißtag

Sonntag ist ein Scheißtag. Alles hat zu. Normalerweise laufe ich nach dem Frühstück zum NETTO und kaufe für das Mittagessen ein. Nicht so was Fertiges aus dem Kühlregal. Ich koche was. Ich habe ja Zeit. Früh beim Kaffee suche ich ein Rezept aus. Chefkoch. Oder Kochbuch. Oder Insta. Und dann gehe ich zum NETTO und kaufe dafür ein. Außer sonntags. Da geht das nicht. Der NETTO hat zu.
Heute ist Sonntag. Ein Scheißtag. Es ist scheißeheiß. Ich überlege, was ich machen könnte. Wie als Kind: mir ist lang-wei-lig! Bei der Hitze kannste gar nichts machen. Baden fahren mit tausend anderen. Wie die Sardinen im Nichtschwimmerbecken. Ne, danke. Lesen könnte ich. Lesen ist wieder en vogue. Matti ist sogar im Buchclub. Wow, kann ich nur sagen. Wow! Jeden Monat ein intellektueller Vorschlag, eine gehypte Neuerscheinung. Das lesen sie dann in ihrem Club und diskutieren. Ohne Vorkenntnisse, sagt Matti. Ich könnte mit hingehen. Na, lass mal. Ich lese Arztromane. Doktor House in Buchform. Ich betrachte das als Weiterbildung. Biopsie. Gutartig, bösartig? Schon gestreut?
Heute nicht. Es ist scheißeheiß. Mir ist lang-wei-lig. Strick doch was für Susi, hätte meine Mutter früher gesagt. Strick doch was für Puppe Susi. Das Gestricke immer. Will doch keiner mehr. Kratzt am Hals. Sogar Puppe Susi. Ich könnte zur Mutter fahren. Irgendwann muss ich es ihr ja mal sagen.
Weiß es deine Mutter eigentlich, hat Matti neulich gefragt.
Ne, warum, frag ich.
Na, weil es deine Mutter ist?
Sie kann mir eh nicht helfen. Es ist wie es ist, wird sie sagen. Jammern bringt auch nichts. Das Leben geht weiter. Klar, geht es. Mühsamer, langsamer. Aber es geht. Ich komme klar. Soll sie Händchen halten? Das hat sie noch nicht mal gemacht, als ich sieben war und Scharlach hatte.
Ich nehme den Bus kurz nach neun. Sie müsste zu Hause sein. Malle ist erst wieder im September. Zweimal im Jahr fliegt sie nach Malle. In die Finca. Mit Friedrich. Ja, mach. Ist doch dein Leben. Zweiunddreißig Minuten braucht der Bus.
Matti ist echt süß. Er hat mich aus dem Krankenhaus abgeholt und nach Hause gebracht. Als ich in den Kühlschrank geguckt habe, konnte ich es gar nicht glauben. Rappelvoll! Käse, Wurst, Tomaten, Joghurt! Ich dachte, ich seh nicht richtig! So ein Schatz, der Matti. Echt voll der Kumpel! Jetzt schickt er täglich ne WhatsApp: Brauchst du was? Kann ich dir helfen? Total lieb. Ne, kann er nicht. Was soll Matti denn machen? Die Scheiße ist wie sie ist. Aber lieb ist es. Voll lieb.
Tannerstraße. Ich muss raus. Kleiner Fußweg. Alles trocken. Die Bäume, die Wiese. Muss man da nach Malle? Heiß iss es hier auch. Klar ist sie da, die Mutter. Malle ist noch nicht. Vorhänge zugezogen wegen der Sonne. Geranien gegossen. Westminster Gong.
Na, sagt sie, gibt’s dich noch?
Dich gibt’s ja auch noch, denk ich und sag aber nichts. Ich bin erwachsen. Ich muss mich nicht abarbeiten an meiner Mutter. Ich steh im Flur und überleg, ob ich die Schuhe ausziehen soll. Aber sie bittet mich nicht herein.
Die Hitze ist kaum auszuhalten, sagt sie.
Ja, die Hitze. Aus dem Wohnzimmer plärrt der Fernseher.
Ich leg immer Wasserflaschen ins Eis und stell die dann mittags auf, sagt sie. Und nachts ordentlich durchlüften natürlich. Badfenster auf, Wohnzimmerfenster auf. Durchzug. Letzte Nacht waren nur 18 Grad. Willste was bestimmtes?
Lag auf dem Weg, sag ich. Muss aber auch weiter.
Achso, sagt sie. Am 15. flieg ich nach Malle.
Ja, klar, sag ich. Malle.
Als ich wieder im Bus sitze, schreib ich an Matti. War heute bei meiner Mutter.
Und, was hat sie gesagt?
Nichts.
Nichts?
Habs nicht gesagt.
Wieso denn nicht?
War keine Gelegenheit. Vor lauter Selbstmitleid werden mir die Augen feucht. Was habe ich denn erwartet?
Pizzaabend?, schreibt Matti. Ach Matti. Pizza bei der Hitze ist doch Scheiße.
Klar, schreib ich zurück, Pizza klingt super.