Gerade als Kerstin zum zweiten Mal ausführlich die Geschichte erzählt hatte, wie sie bei der Hitze vor zwei Tagen im REWE versucht hatte, Eis zu kaufen und nur beschilderte, aber vollständig leere Regale vorfand, und ich darüber nachdachte, ob sie alt wird, weil sie alles doppelt erzählt, oder ob ich alt werde, weil ich das nicht mehr so gut aushalte, fiel mein Blick auf einen Mann, der so schnell mit seinem Rad durch die Fußgängerzone rauschte, dass zwei Frauen erschrocken zur Seite sprangen. Er hielt genau vor dem Café, in dem Kerstin und ich saßen. Seine Bremsen quietschten so ohrenbetäubend, wie ich es seit 1984, als ich in Alex aus der 8b verliebt war und der ebenso schnell fahren und ebenso laut und abrupt bremsen konnte, nicht mehr gehört hatte.
Der Mann stieg nicht vom Rad – er sprang geradezu ab, wobei sein Bein einen ausladenden Bogen um den Sattel beschrieb. Er trug eine enge Bluejeans. Seine Stiefel waren an Spitze und Ferse silbern beschlagen. Statt eines Fahrradhelmes hatte er einen Hut, den er fest auf den Kopf gedrückt hatte, so dass die Stirn bis zu den Augenbrauen bedeckt war. Irritierenderweise war sein Oberkörper nackt und absolut streifenfrei gebräunt, so als würde er generell auf Shirts verzichten. Er war muskulös auf eine natürlich wirkende Art, wie man sie von körperlich schwerer Arbeit und nicht vom Fitnessstudio bekommt. Das Haar fiel ihm zu einem lockeren Zopf gebunden den Rücken hinab fast bis zum Gürtel. Zögernd stand er einen Moment, schaute suchend unter dem Hut umher und lehnte dann das Rad an einen Laternenmast.
Während er auf das Café zukam, langte seine Rechte zur Hose, und ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn er einen Colt gezogen hätte. Mit dem Ellbogen stieß ich Kerstin an und deutete mit dem Kopf Richtung Eingang. Wir starrten gebannt auf den rasch heran schreitenden Mann. Er kam herein und ging ohne zu zögern an uns vorbei. Er roch nach Holz und Tabak. Vor dem Tresen blieb er stehen. Max, der Sohn des Inhabers, grinste ihn an.
„Eine Kugel Erdbeer“, sagte er.
„Klar doch“, sagte Max.
Mit dem Eis in der Hand drehte er sich um, unsere Blicke begegneten sich, und ich machte schnell den Mund zu, ehe mir der Sabber heraus lief. Flott wie er gekommen war, war er auch wieder zur Tür hinaus, stieg einhändig aufs Rad und trat kräftig in die Pedale.
„Was war das denn?“, fragte Kerstin.
„Ein Märchen“, sagte ich.