Ich: Kann man zehn Jahre alte Marmelade noch essen?
KI: Wenn das Glas noch fest zu ist, der Inhalt gut aussieht, die Konsistenz gut ist, der Geruch auch, ist sie wahrscheinlich nicht sofort gefährlich. Aber bei zehn Jahren über dem Mindesthaltbarkeitsdatum würde ich persönlich eher auf Nummer sicher gehen und sie entsorgen. Besonders, wenn Unsicherheiten bestehen.
KI: Frag mich mal, ob das bei selbstgemachter Marmelade auch so ist…
Ich: Und?
KI: Bei selbstgemachter Marmelade wäre ich noch viel vorsichtiger!
In Wirklichkeit hatte ich in Bezug auf das Alter der Marmelade geflunkert. Das jüngste Glas auf dem Holzregal, das, von feinsten Spinnweben überzogen, unter dem Treppenabgang zum Keller stand, war von 2014. Jünger ist keine. Irgendwann hatte ich gemerkt, dass mit der Reduktion unseres Haushaltes auf zwei Personen, von denen eine lieber Eiersalat- als Marmeladenbrötchen zum Frühstück isst, der Verbrauch an Marmelade von liebevollen Freundemitbringseln gedeckt wird. Sogar dann, wenn Raritäten wie Kürbis-Apfel oder Lavendel-Mahonie verschmäht bleiben.
Johannisbeere rot/weiß 2014, Stachelbeere 2011, Kirsche 2008. Die Kirschmarmelade sieht noch sehr schön aus im Glas und ich zögere. Inzwischen haben wir gar keinen Kirschbaum mehr. 2008 muss noch einer gestanden haben. Löwenzahnblütengelee 2006, Quitte 2000.
Quitte 2000. Die Marmelade kochte ich ein, als ich frisch verheiratet und Mutter zweier kleiner Kinder war. Die Kinder sind erwachsen und längst ausgezogen. Die Marmelade ist noch hier. Quitte 2000- das klingt verheißungsvoll nostalgisch. Eine Science-Fiction eines früheren Lebensabschnittes. Quitte 2000.
Einhundert Gläser trage ich die Kellertreppe hinauf. Einhundert Gläser, die ich selbst eingekocht und die Kellertreppe hinunter getragen habe. Die Kirschen sehen wirklich noch gut aus. Was mache ich nun damit?
Ich: Was passiert, wenn ich einhundert Gläser Marmelade in den Komposter schütte?
KI: Das wird in jedem Fall eine Riesensauerei.
Nein, Spaß, so ehrlich ist keine KI. Ich schütte die Marmelade in den Komposter, um festzustellen, dass es eine Riesensauerei ist. Es wird ein klebriger Haufen, dessen Größe ich unterschätzt habe. Wieviel Kilo sind das? Fünfundzwanzig, dreißig? Rote und gelbe Glibbermasse läuft breit, heftet sich an die Wände des Komposters. Eine Sauerei.
Ich: Was passiert, wenn ich einhundert Gläser Marmelade in den Komposter schütte?
KI: Aber ehrlich: 100 Gläser sind eine Menge. Dein Komposter wäre wochenlang beleidigt.
Ja, tut mir leid. Das hätte ich mir vorher überlegen müssen. Große Mengen von irgendwas, selbst wenn es nicht so viel Zucker enthält, sind immer ein Problem.
KI: Schädlinge werden angezogen. Ameisen, Wespen, Mäuse, Ratten – alle lieben Zucker. Dein Komposter würde zur Partyzone für alles, was krabbelt.
Zu spät. Die Marmelade ist im Komposter. Die Gläser sind im Glascontainer. Ich wasche das eingestaubte Kellerregal ab und versuche den Verlust zu verwinden. Die Kirschen sahen wirklich noch lecker aus.