Liebe Andrea Nahles!

Studieren geht. Jederzeit. Abitur vorausgesetzt, können Sie sich jederzeit an einer deutschen Hochschule oder Universität einschreiben. Abgesehen von einem kleinen Semesterbeitrag bezahlt Ihnen der deutsche Staat eine universitäre Ausbildung. Wenn Sie zum Beispiel Elektrotechnik studieren wollen, schreiben Sie sich ein und tun das. Sie beantragen Bafög, ziehen ins Studierendenwohnheim und essen günstig in der Mensa. Wenn Sie Probleme haben, gibt es Frühwarnsysteme und Beratungsstellen und wenn Sie sich der Herausforderung stellen, bereits Kinder zu versorgen, gibt es separate Angebote. Das ist fein. Jede, jeder, jederzeit. Das klingt nach Chancengleichheit. Ist es aber nicht.

Berufsausbildung geht nämlich nicht. Wenn Sie nicht Elektrotechnik studieren, sondern eine Ausbildung zum Mechatroniker machen wollen, brauchen Sie einen Ausbildungsbetrieb, der Ihnen diese Ausbildung ermöglicht, sprich: Finanziert. Sie erhalten keine Bafög, weil Sie ja vom Betrieb eine Ausbildungsvergütung erhalten. Niemanden interessiert, wie teuer Ihr Mittagessen ist und ob sie es sich leisten können, bei den Eltern auszuziehen. Nicht der deutsche Staat bezahlt Ihnen diese Bildungsoption, sondern die deutsche Wirtschaft. Und wenn diese schwächelt, so wie jetzt zum Beispiel, dann gibt es auch weniger Ausbildungsplätze. Weil Ausbildung Geld kostet.

Dem Handwerk wird vorgeworfen, dass es den Mangel an Fachpersonal selbst verschuldet hat, weil in den letzten Jahrzehnten nicht genug ausgebildet wurde. Aber wieso ist das Handwerk dafür zuständig, seinen Nachwuchs auszubilden, wenn Ingenieure vom universitären Himmel fallen? Welcher kleine Handwerksbetrieb kann es sich leisten, drei oder vier Auszubildende zu finanzieren, damit am Ende vielleicht einer als Geselle im Unternehmen bleibt? Ein Facharbeiter muss das gleiche Recht haben, seine Arbeitsstelle frei zu wählen, wie eine Akademikerin. Weder vertragliche noch emotionale Verpflichtungen dürfen dem im Wege stehen.

Chancengleichheit bedeutet, dass alle Ausbildungswege gleichermaßen staatlich finanziert werden, dass jeder junge Mensch die gleichen Subventionen für Unterkunft und Verpflegung erhält und dass es übergeordnete Strukturen gibt, die das Gelingen des Bildungsweges sicherstellen. Die Verantwortung für die Berufsausbildung darf der Staat nicht länger auf die Unternehmen abwälzen. Am Wirtschaftsstandort Deutschland wird es dunkel, wenn niemand mehr ein Kabel verlegt.