Horizont

Der Horizont, dort, wo ein heller Himmelsstreifen durch eine zarte hellblaue Linie von sanftgrauem Meer geschieden wird, ist 4,43 Kilometer entfernt. In etwa einer Stunde könnte ich dort sein. Wenn ich mich setze, kommt der Horizont näher. Etwa einen Kilometer kommt er näher zu mir. Er ist schüchtern. Wenn ich mich auf den Bauch lege, die Nase in den Sand drücke, mich ganz flach mache, flundergleich, käme er dann so nahe, dass ich ihn mit der Hand greifen könnte? Ich könnte mich ausziehen, so dass meine blasse Haut mit dem hellgelben Sand verschmilzt. Ich wäre fast nicht zu sehen. Hat der Horizont gute Augen? Muss er wohl, bei der Entfernung. Umgekehrt habe ich ausprobiert, mich ganz groß zu machen. Ich bin im Maritim Hotel, das unmittelbar am Strand steht, mit dem Aufzug ganz nach oben gefahren auf die Dachterrasse. Tatsächlich hat der Horizont offenbar Angst vor mit bekommen und ist mehr als 30 Kilometer zurückgewichen. Er hat Spielraum. Aber er droht mir. Das sanfte Hellblau ist schweren grauen Wolken gewichen mit denen er Gewaltbereitschaft signalisiert. Die Schiffe sollten im Hafen bleiben, bis ich wieder im Sand liege. Schnell verlasse ich meinen Ausguck, gehe über die Düne zum Strand. Gestrichen glatt lauert der Horizont im 4,43 Kilometer Entfernung auf meine nächste Bewegung.