nackte Brüste

Während Nastassia Kinski versucht, Wim Wenders zu zwingen, eine Szene, in der ihr 13jähriger nackter Oberkörper zu sehen ist, aus einem Film zu schneiden und die Diskussion zwischen Persönlichkeitsrechten und Kunstfreiheit changiert, sitze ich mit mehreren Hundert BesucherInnen im Dresdner Kulturpalast und sehe mir die nackten 13jährigen Brüste indigener Mädchen an. Auf großer Leinwand, angenehm begleitet vom Spiel der Philharmonie.

Das Konzert "Amazônia" (05.06.2025) wurde auf der Website angekündigt mit: "Ein ganzer Kosmos aus Farben und Klängen, tiefes Dunkel und grelles Licht, ursprüngliche, geheimnisvolle Landschaft [...]". Dass ich mir etwas Farbenpächtiges, vielleicht mit Lichteffekten, vorgestellt hatte, als ich die Karten kaufte, verdanke ich zu einem meiner Unaufmerksamkeit, denn die obige Beschreibung bezieht sich auf den Amazonas, nicht auf das Konzert. Kunst ist keine Zartbitterschokolade, wo die Wettbewerbshüter Irreführung des Verbrauchers argwöhnen würden. Zum anderen war meine Unwissenheit verantwortlich (und an Unwissenheit ist man immer selbst schuld): Ich kannte den weltbekannten Fotografen Sebastião Salgado nicht. Sonst hätte ich gewusst, dass er Schwarz-Weiß-Fotografien macht.

Einem weiteren Irrtum unterlag ich, als in der Einführung zur Suite "Floresta de Amazonas" (Heitor Villa-Lobos) erwähnt wurde, dass sie 1958 komponiert wurde. Ich hatte angenommen, dass die dazu ausgewählten Fotografien ebenfalls aus dieser Zeit stammen. Das ist aber nicht so. Sebastião Salgado, der in einem mühevollen Prozess seine Bilder der Musik von Villa-Lobos zuordnete, hat die Aufnahmen von brasilianischen Indigenen zwischen 2016 und 2019 gemacht. Salgado (1944–2025) und Villa-Lobos (1887–1959) waren keine Zeitgenossen. Und: die Fotografien sind aus der Gegenwart. Aus einer Gegenwart, in der kein Foto mehr von irgendwem veröffentlicht werden darf, ohne dessen Zustimmung.

Ich sitze also im abgedunkelten Raum des Kulturpalastes und sehe mir Fotos von nackten indigenen Männern, Frauen und Kindern an. Vor allem Frauen und Mädchen. Ich bestaune Körperbemalung und Perlenschmuck. Und ich kann nicht vermeiden, beim Blick auf die bloßen, unbehaarten Vulven darüber nachzudenken, ob die Haare ausgezupft sind oder von Natur aus fehlen. Ich sehe auf die Brüste und denke über die besonders kegelige Form nach. Ich kann gar nicht anders. Was sonst, soll ich auf diesen Fotos sehen, als diese omnipräsente Nacktheit?

Salgado ästhetisiert und inszeniert. Viele Fotos sind gestellt. Gezeigt werden nicht Alltagsszenen, sondern Gruppenportraits vor einem backdrop aus Palmblättern. Außerdem Frauen beim Baden, junge Frauen in der Hängematte. Was machen die Menschen den ganzen Tag? Sie können ja nicht nur in der Hängematte liegen.

Sebastião Salgados Absicht war mit Sicherheit kein voyeuristischer Blick. Er hat sich für die Erhaltung des Regenwaldes eingesetzt. Er war lange Zeit bei den Indigenen zu Gast und hat eine enge Verbindung zu Ihnen aufgebaut. Er wollte die Schönheit des Regenwaldes zeigen, der die Lebensgrundlage und Heimat der dort wohnenden Menschen ist.

Sicher hat er in irgendeiner Form die Zustimmung der Menschen gehabt, sie zu fotografieren. Ich bezweifle aber, dass sie sich im Klaren waren, was das bedeutet. Dass im fernen Deutschland hunderte Menschen zur Untermalung eines Konzertes ihre Fotos ansehen. Und auch der Umstand, dass die Indigenen kein Problem mit Nacktheit haben und vielleicht sogar ein ungestörtes Verhältnis zu ihrem Körper, rechtfertigt nicht, dass sie uns zur Schau gestellt werden. Denn WIR haben das Problem. Der "zivilisierte" Umgang mit Körper ist sexualisiert und bewertend, wenn es ein fremder Körper ist, und zwanghaft und schamhaft, wenn es der eigene Körper ist. So werden wir zu Voyeuristen einer fremden Kultur. In bester Absicht zerrt Salgado die Menschen aus dem Schutz des tropischen Regenwaldes vor unsere Augen, gibt ihre Intimität preis, wie wir unsere niemals preisgeben würden.

Salgado erreicht der Vorwurf nicht mehr. Aber der Veranstalter des Konzertes sollte sich Fragen gefallen lassen.