Lieber Thomas Gärtner, überaus gern lese ich Ihre Rezensionen in der DNN über literarische Veranstaltungen. Sie nehmen mich mit hinein in den Saal und beschreiben das Erlebte, als wäre ich dabei gewesen, notieren mir die wichtigen Sätze, bei deren Hören ich bedauert hätte, nichts zu Schreiben dabei zu haben und am Ende des Artikels weiß ich, was ich verpasst habe oder ob ich recht daran tat, zu Hause zu bleiben.
Das will ich auch können. So sitze ich, einige Reihen hinter ihnen, im Veranstaltungssaal der Zentralbibliothek und lausche Prof. Dr. (so viel Zeit muss sein) Roland Kaehlbrand, der sein neues Buch „Von der Schönheit der deutschen Sprache“ vorstellt. Ein Spiegelbestseller, muss erwähnt werden, da die Begrüßende der Bibliothek unfreiwillig den ersten Lacher eines insgesamt sehr heiteren Abends landet, als sie verkündet, dass Spiegelbestseller zu sein, kein Kriterium für Qualität sein müsse. Bei Romanen. Nun, dieses hier ist ein Sachbuch (was niemand mit wissenschaftlicher Publikation verwechseln wird).
Wer etwas lernen will, schreibt mit. Dieser, mit Blick auf meine Kommiliton*innen etwas altmodische Grundsatz, hat sich für mich bewährt. Ich habe also die Kladde dabei und schreibe mit. Und zwar erst einmal, soweit es mir möglich ist, alles. Hin und wieder hebe ich den Blick um zu schauen, wie Sie es machen, Herr Gärtner, und immer sehe ich auch Ihren Kopf und Stift geneigt.
Mit Ungeduld harre ich nun Ihrer Rezension. Was von dem Aufnotierten findet Eingang in den Text? Was finden Sie wert, den Lesenden mitzuteilen?
Man müsse den Leser in den ersten drei Sekunden mit einem Wort gewinnen, zitiert der Moderator Dr. Roland Löffler einen Satz des Autors beim Kaffeetrinken und es klingt eher nach einer Lebensweisheit als einem spontanen Gedanken. Ich bin bereits das erste Mal unsicher, ob unabdingbar erwähnt werden muss, dass Löffler Leiter der Landeszentrale für politische Bildung ist und den Autor aus dem Stiftungswesen kennt, wo Herr Kaehlbrandt langjährig tätig war, wie wir bei der Vorstellung erfahren. Wie die biografischen Informationen überhaupt nur die Karrierestationen und Auszeichnungen inklusive Bundesverdienstkreuz enthalten.
Es ist, lieber Herr Gärtner, auch nicht Ihre Art, sich an Äußerlichkeiten aufzuhalten, so dass unerwähnt bleiben wird, dass Herr Kaehlbrandt ein auffallend großer, auffallend schlanker, auffallend gepflegter Mittsiebziger von unaufdringlicher, wenn auch nicht uneitler Eleganz ist.
Er tritt ans Rednerpult und gewinnt sein Publikum. In den ersten drei Sekunden. Er liest nicht aus seinem Buch – er trägt den Inhalt vor. Er versteht es, im Plauderton die deutsche Sprache zu rühmen, wobei er mit dem Sächsischen beginnt. Das mögen die Dresdner. Kabarettisten machen das auch so: beim ersten Witz das Publikum ins Boot holen. Herr Kaehlbrandt trägt eine Brille, weil er als Kind 55 Bände von Karl May las.
Kaehlbrandt zählt Schriftsteller*innengrößen der Stadt auf, die er schätzt. Ingo Schulze kennt er persönlich. Als er Uwe Tellkamp erwähnt schaue ich unsicher nach links und rechts. Redet man über den noch?
Wie anderswo über die Deutsche Sprache gedacht wird, zeigt Kaehlbrandt anhand von Zitaten der Literatur und Erlebnissen aus aller Welt. Vorurteile müssten ausgeräumt werden. Dazu wolle er beitragen mit diesem Buch, wie auch dem vorherigen.
Das Beweisen beginnt er mit einer Wortform, die in der Literatur misstrauisch beäugt, in der gesprochenen Sprache jedoch überaus präsent und dort offenbar auch wichtig ist: den Partikeln. Unflektierbare Füllwörter. 104 davon hätte unsere Sprache, nur 40 % davon seien ins Französische übersetzbar. Dann bleibt´s halt.
Eine grandiose Besonderheit des Deutschen ist die Möglichkeit, immer neue Wörter durch Zusammensetzungen (Komposita) zu erfinden. Deutsch ist eine Legosprache, sagt Kaehlbrandt und amüsiert das Publikum mit einer Anekdote über eine Bordsteinlieferung und führt seniorenleicht ein. Über Goethes Abendhauch und das internationale deutsche Lieblingswort Weltschmerz kommt er zu vorsichtig. Hopsa, denke ich mit der Aufmerksamkeit einer Germanistikstudentin im zweiten Studienjahr, das ist aber kein Kompositum. Herr Kaehlbrandt war in seinem Skript im Absatz verrutscht. Er schiebt die Überschrift nach: Präpositionen, Vorsilben. 100 davon gäbe es im Deutschen, das es insgesamt auf 5,3 Millionen Wörter bringe – Tendenz steigend. Ständig kommen neue dazu. Allein Stefan Zweig hat 1200 neue Verben erfunden: hineinzittern, vorbeiflackern, emporzacken.
Das Publikum bekommt nun die Aufgabe, selbst ein neues Wort zu erfinden: ein Verb, um sich in eine frischgemähte Wiese zu legen. Kaehlbrandt ist Honorarprofessor und zwar offenbar einer, der die Lernenden bei Laune halten kann. Nach meiner Erfahrung hat die jüngere Generation einen etwas anderen Humor. Meine Kinder rollen die Augen, wenn ich ihnen erzähle, was ich witzig finde (Boomerhumor), aber im Saal ist niemand jünger als ich- die Anwesenden zeigen sich gut unterhalten und bereit mitzuarbeiten: eingraseln, grünlegen.
Ein neues Kapitel mach Kaehlbrandt noch auf: Der Satzbau. Jedes Satzglied kann an erster Stelle stehen. Je nach Gewichtung. Ich habe sie gestern am Bahnhof gesehen. Sie habe ich gestern am Bahnhof gesehen. Am Bahnhof habe ich sie gestern gesehen. Er unterlegt es mit einigen schönen Beispielen aus der Literatur.
Den werbenden Sätzen für sein Buch entnehme ich, dass sich die Kapitel offenbar jeweils einem Thema widmen. Drei haben wir gehört an diesem Abend. Sie, Herr Gärtner, haben sicher nicht versäumt, einen Blick ins Buch zu werfen. Das hätte ich sehr leicht am Büchertisch tun können. Ich lerne noch.
Die erste Frage in der abschließenden Dialogrunde stellt ein Mann mittleren Alters: Wie es Herr Kaehlbrandt mit der geschlechtergerechten Sprache halte. Verhalten und Aussehen des Mannes lassen keine Rückschlüsse zu, ob es eine Provokation oder Manifestation sein soll (ich hätte den Mann nach der Veranstaltung fragen können, was ich leider auch versäumt habe). Ein Raunen geht durch die Reihen. Diese Frage, sagt Kaehlbrandt, sorge regelmäßig für schlechte Laune. Er lässt es sich aber nicht nehmen, sie ausführlich, wohl aber mit Vorsicht zu beantworten. Der gesellschaftliche Impuls sei verständlich, aber das wie noch auszuhandeln. Also kein Gendersternchen. Den Glottisschlag empfindet er als Störer, der Silbenstruktur nicht entsprechend. Schließlich würde getrennt werden Leh|re|rin|nen. Und nicht Lehrer|innen. Das muss ich nachschlagen. Tatsächlich. Da habe ich sogar noch etwas gelernt heute.
Also, neumodische Sachen mag Kaehlbrandt nicht: Gendern nicht, Anglismen nicht, Duzen von Verkäufer*innen auch nicht. Es sei ihm nachgesehen. Das ist altersgerecht und nicht eben seniorenleicht. Die Zuhörenden quittieren mit Beifall. Auch das ist altersgerecht.
Tja, Herr Gärtner, was schreiben Sie als Fazit über diesen Abend? Herr Kaehlbrand war leichtfüßig unterhaltsam, die deutsche Sprache angemessen gewürdigt, das Publikum zufrieden und bestätigt. Wer mehr erfahren möchte, kaufe sich eine Dudengrammatik? Ich bin gespannt.